Kapitel 20

Johanna  

 

 

Ich brauchte drei Tage um wirklich zu begreifen, dass Justus nicht wiederkommen würde. Die Vorhänge vor seinen bodentiefen Fenstern blieben geschlossen, von der Terrasse wehte kein köstlicher Kaffeeduft herüber und wenn ich jemanden suchte, der abends mit mir etwas trinken wollte, musste ich mich wieder an Damian oder Lotte halten. Es war alles wie immer – und doch klaffte eine Lücke in meinem Leben, die sich ohne Justus nicht stopfen ließ.

Nun saß ich vor Lottes Café und rührte lustlos in meinem Cappuccino. Mir blieb noch eine halbe Stunde, bevor ich in den Laden musste.

»Scheiß Liebeskummer!« Ich zuckte zusammen, denn ich hatte Lotte nicht kommen hören. 

»Wer sagt dir, dass ich ...«

»Wenn du jetzt sagst, dass ich daneben liege, bin ich beleidigt. Es ist keine Schande, sich in den Falschen zu vergucken, aber eine Freundin anzulügen, das passt nicht zu dir.« Mit einem leisen Ächzer ließ sie sich neben mir nieder. Heute war ihre neue Aushilfe da. Vermutlich hielt sie in der Küche die Stellung.

»Was macht dich so sicher?«, fragte ich abwehrend. Wieso sollte ich vor ihr überhaupt etwas zugeben, das ich selbst nicht wahrhaben wollte? »Justus passt gar nicht zu mir. Vielleicht habe ich einfach festgestellt, dass ich zwar jemanden brauche, der die Lücke füllt, die Olli hinterlassen hat, Justus aber nicht der Richtige für mich ist.«

»Ja, ja. Ist klar. Und bei dieser Suche bist du völlig wahllos und würdest jeden nehmen. Justus war nur rein zufällig verfügbar.«

Sie hatte recht, das wussten wir beide. Es ging nicht um irgendwen. »Also gut, es stimmt, ich vermisse ihn. Aber umgekehrt ist es eben nicht so. Er hat es mir klipp und klar gesagt. Damals hat er es verpasst, seine Ehe zu retten. Und das holt er jetzt eben nach. Davor habe ich Respekt.«

»Ich nicht«, sagte Lotte leichthin. »Du kennst meine Meinung. Ein Fehler wird dadurch nicht besser, dass man ihn zweimal begeht. So gesehen hast du die moralische Pflicht, ihm die Augen zu öffnen.«

»Wie bitte?«

»Na ja, mach ihm klar, dass du die Richtige bist.«

»Und wie stelle ich das an? Soll ich mir ›Nimm mich!‹ auf die Stirn pinseln und nackt vor seiner Villa herumspringen?«

»Du kennst ihn besser als ich. Wenn du meinst, dass das etwas bringt, tu es.« Die Lässigkeit fiel von Lotte ab. Sie beugte sich über den Tisch und sah mich ernst an. »Das ist kein Spaß, Jo. Er hat sie vielleicht einmal geliebt und es mag sein, dass dieses kalte Biest auch etwas für ihn empfunden hat. Aber aus nostalgischen Schwelgereien erwächst keine Liebe. Mag sein, dass die beiden zusammenkommen, aber das wird sie nicht glücklich machen. Glaub mir, du hast es in der Hand, das für euch drei zu einem guten Ende zu bringen. Denk nur an den Anruf in ihrem Laden. Du hattest doch damals schon den Eindruck, dass dieses kaltschnäuzige Biest einen Neuen hat.«

»Wieso bist du dir so verdammt sicher?«, presste ich heraus. Das Dumme war, dass ich ihr glauben wollte. Jedes Wort, jeden noch so leisen Zwischenton, der bedeutete, ich könne die Richtige sein, saugte ich gierig in mich auf. Wenn das so weiter ging, würde ich mir demnächst von Maria aus dem Blumenladen die Karten legen lassen.

»Ich bin mir sicher, weil ich ihn mit dir und mit ihr gesehen habe. Glaub mir, wenn er mit dir zusammen ist, ist er gelöster und wirkt wie befreit.«

»Aber gelöst und befreit zu sein ist nicht alles. Wir denken anders, wir leben unterschiedlich, er ist stinkreich, ich muss spitz kalkulieren, ehe ich auch nur einen zweiten Stoffballen ordere.«

Lottes Augen leuchteten auf, sie griff sich sogar ans Herz. »Das ist der Be-wei-heis«, flötete sie glücklich. »Gegensätze ziehen sich an. Habe ich es nicht immer gesagt? Du bist das Positiv, er ist das Negativ. Topf und Deckel, Sekt und Selters. Ihr gehört zusammen.«

»Sekt und Selters? Komm schon, Lotte, da musst du selber lachen, weil es so schräg ist.« Ich schüttelte den Kopf. Auch wenn es mir gut tat, dass wenigstens sie an uns glaubte.

»Du hast doch gesagt, dass du heute mit dem letzten Hut fertig wirst. Was spricht dagegen, nach Feierabnd einen kleinen Ausflug nach Potsdam zu machen? Wir schauen uns das Holländische Viertel an, die Seen. Den See!« Sie wackelte mit den Brauen. »Und wenn Justus dir dabei rein zufällig über den Weg läuft ... na, dann bin ich noch auf einen Cocktail in einer Bar verabredet und lasse euch für ein paar Stunden allein. Wie klingt das?«

»Das klingt zu einfach und zu durchschaubar.« Dabei hatte ich selbst schon daran gedacht. 

»Sehr gut, du bist also dafür.«

Mit klappte der Kiefer herunter. Hörte sie mir überhaupt zu? »Was an zu einfach und zu durchschaubar lässt dich glauben, dass ich dafür bin?«

»Dein Blick. Dieses kleine Hoffnungsflämmchen in deinen Augen, das gerade ziemlich hell auflodert. Du willst es. Und du willst ihn. Und weil er dich auch will ... ha«, sie sprang auf. »Das wird nett. Seine Adresse habe ich schon herausgefunden«, sie zwinkerte mir zu. »Wir müssen nur ein wenig auf und ab flanieren vor seinem Haus. Irgendwann wird er ja wohl herauskommen. Also an die Arbeit, meine Liebe, ich stehe pünktlich um sieben vor deinem Laden.«

Ohne ein weiteres Wort marschierte sie zurück ins Café und ließ mich sitzen. Ich verdrehte die Augen, stand auf und ging rüber in den Laden, wo Damian schon auf mich wartete. Seit dem Salsaabend war er ungenießbar. Dass Lotte sich in Dennis verguckt hatte, konnte er noch verstehen, aber dass er wochenlang einem Hetero-Kerl hinterher geschmachtet hatte, wurmte ihn gewaltig. Vielleicht sollten wir in einen Wellness-Tempel fahren, uns verwöhnen lassen und Frust-Eis in uns hineinstopfen, liebeskummergeplagt wie wir beiden waren.

»Jojolein, du siehst scheiße aus«, ließ Damian mich wissen, noch bevor die Tür hinter mir ins Schloss gefallen war.

Okay, ich verwarf den Gedanken an ein Wellness-Wochenende. Zumal ich mir das auch gar nicht leisten konnte. »Guten Morgen, Damian«, sagte ich spitz. »Hast du außer der Charmeoffensive heute noch etwas geplant?«

»Sind wir heute empfindlich?«, fragte er säuerlich.

»Sind wir nicht, aber du bis auf Krawall gebürstet«, gab ich giftig zurück und besann mich. Damian hatte ebenso viel recht, seine Wunden zu lecken, wie ich. Ich ging zu ihm, nahm in den Arm und entschuldigte mich. »Im Moment fühle ich mich einfach urlaubsreif. Die Hüte müssen heute ausgeliefert werden, damit sie der Jury pünktlich vorliegen, ich habe schlecht geschlafen, hatte seit über einem Jahr keinen Urlaub mehr ...« Mir ging die Puste aus. Aber reichte das nicht auch schon? Jammerten andere Leute nicht auch, ohne dass es den einen großen Grund gab?

»Er fehlt dir wirklich, stimmt’s?« Damian sah mich mitfühlend an. 

Ich wusste nicht, welcher Teufel mich ritt, aber plötzlich brach es aus mir hervor. Ich erzählte ihm von Lottes kleiner Ansprache über den Richtigen und die Falsche, meiner Hoffnung, dass sie damit richtig lag und von dem Ausflug, den wir für den Abend geplant hatten.

Er riss die Augen so weit auf, dass es mich nicht gewundert hätte, wenn die Augäpfel herausgekullert wären. »Jojolein, das sagst du jetzt erst? Lieber Himmel, das will doch geplant sein!«

»Du hältst es also nicht für ... eine Schnapsidee?« Ich beobachtete ihn aus zusammengekniffenen Augen, weil ich tatsächlich damit rechnete, dass er mir gleich eine lange Nase oder einen Vogel zeigen würde. Aber er war total ernst. Na ja, wenn man davon absah, dass er aufgekratzt war.

»Ich gehe rüber zu Lotte und plane alles mit ihr, du kümmerst dich um die Kunden und die Wettbewerbshüte. Mach schnell. Je eher du die Dinger fertig hast, je eher können wir den Laden zusperren.«

»Damian«, ich deutete über meine Schulter zur Ladentür, wo die Öffnungszeiten aufgemalt waren. »Du weißt, dass ich hier nicht früher weg kann.«

»Papperlapapp«, fegte er meinen Einwand beiseite. »Wir hängen ein Schild an die Tür und fahren einfach los. Auf dem Weg geben wir die Hüte ab, dann hast du den Kopf frei für Wichtigeres. Vergiss nicht: Extreme Situationen erfordern kreative Maßnahmen.« Damit nahm er seinen Hut hinter dem Ladentisch hervor, zog ihn dandymäßig tief in die Stirn und entschwand.

Ich werkelte still vor mich hin und malte mir aus, was die beiden planen könnten. Seltsam, ich verwendete keinen Gedanken darauf, mir Justus Reaktion auszumalen. Vielleicht, weil ich Angst vor dem Gedanken hatte, verdrängte ich lieber, dass er genervt sein könnte. Oder, schlimmer noch, dass ich bei unserem kleinen Ausflug der Zufälligkeiten in einen malerischen Garten am See stolperte, in dem Justus und Sofie gerade ein Barbecue gaben, um ihre frisch aufgeflammte Liebe zu feiern.

Ich wusste, dass ich eine Närrin war, und doch verwandte ich viel Zeit darauf, mein Haar hübsch aufzustecken, meine Wimpern kräftig zu tuschen und mir die Lippen in einem leuchtenden Rot nachzuziehen. Als ich zufrieden mit meinem Spielgelbild war – mit Sofie konnte ich sowie nicht konkurrieren, also verbot ich mir den Vergleich – steckte ich die Hüte in Schachteln, die mit Seidenpapier ausgelegt waren, band sie mit großen Seidenschleifen zu und rief Damian an.

»Was plant ihr denn da so lange?«, begrüßte ich ihn nicht gerade formvollendet. Tja, wenn man nervös war, ging der gute Ton schnell baden.

»Die Planung war schnell durch, das perfekte Accessoire war das Problem. Komm rüber und bring die Hüte mit. Dann können wir dir alles erklären. Bis Lotte so weit ist, dich abzuholen, dauert es nämlich noch ein bisschen.«

Ich seufzte ergeben. »Gut, in fünf Minuten bin ich da.« Ich löschte die Lichter, schrieb einen Zettel, pinte ihn an die Tür und schloss den Laden ab.

Damian nahm mich schon vor dem Café in Empfang. Er klimperte mit Lottes Autoschlüsseln. »Laden wir die kostbare Fracht gleich ein, damit keine Fettflecke auf die Kartons kommen.« Das fühlte sich alles so fremdbestimmt an, dass ich aufgab, darüber nachzudenken. Morgen würde ich wieder mir gehören. Aber erst einmal würde ich mich retten lassen. Oder sollte ich sagen, uns retten lassen?

Damian hatte die Schachteln kaum verstaut, da zupfte er an meinem Ärmel und zog mich in die Küche. »Tatatataaaa. Ist das fein?« Er klatschte begeistert in die Hände.

Vor mir auf Lottes langer Arbeitsfläche stand ein Picknick-Korb. Darin gab es feinstes Porzellan für vier Personen. Vom Kristall-Weinglas bis zum silbernen Löffel war alles da. Selbst Leinenservietten mit dem Monogramm EK gab es. Und dazu ein Berg kleiner Schächtelchen. »Was ist denn da drin?«, wollte ich wissen.

»Petit Fours, dann hab ich euch zwei kleine Döschen mit Salat zurechtgemacht, Mini-Schnitzelchen mit Parmesan und Sahne paniert, ihr habt roten Landwein und Wasser. Und das Beste ...«, Lotte spannte einen Schirm auf, hielt ihn über den Kopf und zwinkerte keck, »... ist das hier.«

»Ein Pagodenschirm?«

»Ein Sonnenschirm«, sagte Damian schlau und dabei klang er so froh, dass ich die bissige Bemerkung über die Uhrzeit herunterschluckte. Bis wir in Potsdam ankamen, wäre es mindestens sechs Uhr. Niemand brauchte um diese Zeit einen Sonnenschirm.

»Und das trage ich alles rein zufällig mit mir herum«, fragte ich matt. Nicht mal einem hirnamputierten Idioten könnte ich diesen Zufall plausibel machen. Geschweige denn Justus.

»Kein Zufall. Wir haben ihn angerufen und gesagt, dass wir eine Überraschung haben.«

»Ich habe ihn angerufen«, stellte Damian klar, um sich zurück ins Gespräch zu bringen. »Na, Jojolein, bist du neugierig, was er gesagt hat?«

»Sag schon«, brachte ich mühsam beherrscht hervor, denn in meinem Magen rumpelte es mittlerweile gewaltig. Ihm zufällig vor die Füße zu stolpern war eine Sache. Ihm nachzulaufen, obwohl er gesagt hatte, dass er seine Ehe retten wollte, eine ganze andere.

»Also ...«, Damian grinste triumphierend. Ich hasste seine Kunstpausen. Aber wenn er Spannung aufbauen wollte, sollte er es ruhig. Ich hatte ohnehin die Befürchtung, dass ich mich gleich entsetzlich fremdschämen würde. »Er hat gesagt, dass er sich freut. Und er war ganz aufgekratzt, uns alle wiederzusehen.«

»Aha«, sagte ich lahm. ›Uns alle‹ war nett, denn es schloss mich ein – nur hätte ich es gern ein wenig exklusiver gehabt. Gott, er fehlte mir so. Er fehlte seit dem Moment, in dem ich ihn kennengelernt hatte. Denn selbst als er noch da gewesen war, hatte ich mich oft gefragt, ob er sich mit mir freuen würde, ob er auch ärgerlich wäre, ob er Freude an den gleichen Dingen hätte wie ich.

»Aha? Das ist alles, was ich von dir kriege Jojo? Du hast gar keine Fragen?«

»Nein, habe ich nicht? Wo bin ich hier hereingeraten, in eine Quiz-Show?«

»Bingo«, flötete Damian, »ich wäre ein toller Talkmaster, das Publikum würde förmlich an meinen Lippen kleben, um zu hören, was ich zu diesem wunderbaren Telefonat noch zu sagen hätte ...«

»Sag es!«, zischte ich, weil ich spürte, wie meine Vorfreude in seinen langatmigen Erklärungen versandte.

»Herrje, Damian«, sagte Lotte, bevor er auch nur den Mund aufsperren konnte. »Justus hat sich nach dir erkundigt. Sehr eingehend, wenn du mich fragst. Ich glaube, er ist nicht so glücklich mit seiner Entscheidung, wie du vielleicht denkst.«

Die kleinen Schmetterlinge, die mein Herz in den wichtigen Momenten umschwirrten wie die Honigbiene die Blüte, regten sich. »Wirklich?«, fragte ich und hoffte, nicht ganz so bedürftig zu klingen, wie ich mich fühlte.

»Jep. Und deshalb kriegt Damian sich jetzt mal wieder ein und wir fahren los.« Eine Dreiviertelstunde später stieg ich vor einer imposanten Altbauvilla aus dem Wagen.

»Hol doch schon mal den Korb aus dem Wagen«, sagte Lotte.

Ich ging um den Wagen herum, hob den Korb heraus, schlug den Deckel des Kofferraums wieder zu – und hörte, wie der Motor aufheulte. Ich wusste, sie würde nicht zurückkommen. Schon weil ich sie würgen würde, wenn sie es täte.

 

Der nächste Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Mittwoch, 19. September..

 

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