Kapitel 19

Justus

 

 

Ich wusste, dass ich das Richtige tat – doch so fühlte es sich leider nicht an. Während ich durch das abrissreife Haus zurückging und mir einen Weg durch den Zaun bahnte, verschwendete ich nicht einen Gedanken an Sofie. Es waren Jos riesige, sorgenvolle Augen, die ich vor mir sah, während ich gedankenverloren auf die Straße zurück trat.

»Halt! Was machen Sie da?« Ich wollte mich nach der tiefen Stimme umdrehen und wurde im gleichen Moment am Oberarm gepackt. »Können Sie nicht lesen? Da steht es schwarz auf weiß: Einsturzgefahr! Betreten verboten!« Der Kerl, ein grobschlächtiger Hüne, der vermutlich LKW aus dem Weg schob, wenn er einen Weg abkürzen wollte, sah mich abwartend an.

Neben ihm tauchte ein kleinerer Kerl auf, der vermutlich der Kopf der Operation war. »Dürfte ich bitte Ihre Papiere sehen?«, wollte er diensteifrig wissen.

»Habe ich nicht dabei«, erwiderte ich knapp und sparte mir fadenscheinige Ausreden.

»Oh, keine Papier?« Ich sah förmlich, wie es unter der Glatze des Kleineren arbeitete. »Haben wohl hier übernachtet, he?«

»Nein, ich ...«, was sollte ich diskutieren oder von schönen Aussichten schwafeln? Am Ende marschierten die beiden Strategen noch aufs Dach und fanden Jo. »Ich interessiere mich für Architektur und wollte nur einen Blick auf das Haus werfen?«

»Architektur, aha! Und ausweisen können Sie sich auch nicht. Ich würde sagen, da unternehmen wir einen Ausflug aufs Revier und Sie überlegen unterwegs, wer uns Ihre Papiere bringen könnte.«

Ich starrte die beiden mit offenem Mund an. »Das ist nicht Ihr Ernst«, presste ich hervor, nachdem ich mich wieder gefangen hatte.

»Sehen wir aus, als wäre das hier Stand-up Comedy? Natürlich spaßen wir nicht.« Mittlerweile war der Tonfall des Kleineren deutlich rauer. Er deutete auf den Streifenwagen, der fünf Meter weiter am Straßenrand geparkt stand. »Gehen wir!«

Tatsächlich fand ich mich zwanzig Minuten später in einer schmucklosen Amtsstube wieder. Die Fotos, die es von mir zuhauf im Internet gab, wollten die beiden nicht als Beleg für meine Identität gelten lassen. Also rief ich Olga Meyer an, bat die Vermieterin, mit dem Ersatzschlüssel in meine Wohnung zu gehen, meine Brieftasche zu holen und herzukommen. Wider Erwarten wirkte sie höchst erfreut über meinen Anruf.

Kopfschüttelnd legte ich auf. »Sie wird in einer Viertelstunde hier sein«, erklärte ich und sollte Recht behalten. Olga kam mit wehenden Schals und wichtiger Miene in den Raum geflattert. »Ihnen ist schon bewusst, dass der Herr prominent ist.«

Okay, ich hatte mich nicht getäuscht, sie war wirklich hoch erfreut, dass sich endlich einmal etwas Spannendes tat. Vermutlich waren spätestens am Abend alle meine Nachbarn im Bilde. »Danke!«, sagte ich matt und ließ die Formalitäten über mich ergehen. Dann durften wir das Revier verlassen.

»Anständig von Ihnen, dass Sie Jo nicht verraten haben«, bemerkte Olga mit ihrer Reibeisenstimme.

»Jo? Wie kommen Sie darauf?«

»Oh«, flötete Sie. »Ich mag alt sein, aber mein Kopf funktioniert tadellos. Sehen wir also, was wir haben, Dr. Watson«, sagte sie in der Manier eines weiblichen Sherlock Holmes. »Sie stehen mitten in der Nacht mit dem Mädchen im Hinterhof und küssen Sie. Jo rennt weg, obwohl sie ganz hingerissen von Ihnen ist. Sie schleichen missmutig in Ihre Wohnung. Am nächsten Morgen macht Johanna sich in aller Herrgottsfrühe aus dem Staub und zu allem Überfluss werden Sie just an Jos Lieblingsplatz verhaftet. Wenn das nicht zum Himmel stinkt – was dann?«

Um es nett auszudrücken: Ich war sauer. »Ihnen ist bewusst, dass ich ein bisschen zu alt für mütterliche Sorge bin?«, brummelte ich.

»Aber nicht zu alt für die Liebe. Und nicht jung genug, um einem netten Mädel den Kopf zu verdrehen und sich nichts daraus zu machen«, sagte Olga streng. »Sie müssen sich langsam entscheiden: Meinen Sie es ernst mit Jo – oder nicht? Falls nein, sollten Sie ihr das sagen oder einen großen Bogen um sie machen, damit Jo sich das ein für allemal aus dem Kopf schlägt.«

»Was, wenn ich sie mag und einfach mit ihr befreundet sein möchte?« 

»Blödsinn! Sie haben sich in das Mädchen verguckt, aber aus irgendeinem Grund ist Sie Ihnen nicht gut genug. Wissen Sie was? Wenn Sie das nächste Mal ein Problem haben, rufen Sie mich nicht an. Versuchen Sie es einfach bei der Lady, die Sie gestern zu Ihrem Auto begleitet haben.« Mittlerweile waren wir ein Stück weit gegangen, aber nun blieb Olga abrupt stehen, machte kehrt und stapfte in die entgegengesetzte Richtung davon. Ich konnte mich nicht erinnern, einen verdrehteren Morgen erlebt zu haben. Nur änderte es nichts daran, dass sie goldrichtig lag. Wieso hatte ich das gestern nicht begriffen?

Natürlich war alles, was ich mit Jo erlebte, neu und spannend. So war das eben, wenn man Menschen begegnete. Man hatte sich viel zu erzählen und erforschte sie, um ein Gespür für ihr Denken und Fühlen zu bekommen. Und genau damit musste jetzt Schluss sein. Ich tat nicht nur Jo unrecht, sondern auch Sofie, wenn ich die beiden miteinander verglich. Mein Ziel war Sofie, genug Stoff für meinen Roman hatte ich auch. Ich ging nach Hause, zog die Vorhänge vor die bodentiefen Fenster, schnappte mein Laptop und nie Notizen und fuhr nach Potsdam. Abstand, was ich jetzt brauchte, war Abstand. Ich konnte auch in der Villa für Sofie kochen – und nach allem, was sie gesagt hatte, wäre sie hocherfreut, hier heraus zu kommen.

 

Kapitel 19 des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erschient am Sonntag, 16. September 2018.

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