Kapitel 18

Johanna

 

 

Erst heulte ich vor Wut, weil dieser verdammte Mistkerl sich so in die fixe Idee verrannt hatte, etwas kitten zu können, das gar nicht gekittet werden wollte. Was auch immer einmal zwischen den beiden gewesen war – ein besonderer Zauber ließ sich da nicht mehr zu spüren. Nicht für mich, nicht für Damian und auch Lotte hatte nur entnervt mit den Augen gerollt, nachdem Sofie sie von Kopf bis Fuß gescannt und dann herablassend gegrinst hatte. Leute, die taten, als wären sie etwas Besseres, waren mir schon immer gehörig auf die Nerven gegangen.

Tja, irgendwann in der Nacht hatte die Trauer meine Wut abgelöst und damit war das heulende Elend gekommen. Wollte ich einen Kerl, der sich an seine Ex-Frau klammerte? Nein! Wollte ich einen, der mich küsste und mir Hoffnungen machte, um im nächsten Moment einen Rückzieher zu machen? Bestimmt nicht! Ich sah das schon sehr klar – nur wollte mein dummes Herz es nicht kapieren. Irgendwann schlief ich wie gerädert ein und wachte davon auf, dass die Leute in der Wohnung über mir sich dermaßen lautstark beschimpften, dass die Wände wackelten. Ich kannte das schon. Wenn die beiden eine nächtliche Clubtour hinter sich hatten, flogen am Sonntagmorgen oft die Fetzen - gefolgt von lautstarkem Versöhnungssex. Das war das Letzte, was ich jetzt brauchen konnte.

Missmutig kroch ich aus dem Bett, sprang unter die Dusche, zog mir etwas Luftiges an und schnappte meinen Skizzenblock. Was ich jetzt brauchte, war definitiv eine Auszeit an einem Lieblingsort, an dem sich niemand anschrie und an dem kein mieser Erfolgsautor auf der Terrasse vor mir herumspazierte.

Mit Nachdruck zog ich die Tür ins Schloss und huschte leise über den Hof. Bei Justus war noch alles ruhig. Klar, der Kerl hatte nicht die halbe Nacht geheult und schlief vermutlich seelenruhig bis in die Puppen. Mein Glück, denn ihm mit verquollenen Augen gegenüber zu treten war das Letzte, was ich wollte. Ich zog mein Rad aus dem Ständer, schob es durch den Bogengang und stellte es gleich vor dem Haus wieder ab.

Wenn auf einen Menschen verlass war, dann auf Lotte. Natürlich hatte sie das Café noch nicht geöffnet, aber ich sah sie durch die Scheiben in der Backstube werkeln. Ich klopfte und wurde mit einem strahlenden Lächeln belohnt.

»Mensch, Jo, wieso hast du mir dieses Prachtexemplar nicht schon viel früher vorgestellt?«, rief sie, kaum dass die Tür geöffnet war, zog mich in den Laden und schloss hinter mir. Gemeinsam gingen wir nach hinten.

»Hast du überhaupt geschlafen?«, wollte ich wissen, schnappte im Vorbeigehen einen Stuhl aus dem Gastraum und machte es mir damit in der Küche bequem.

»Schlaf wird überbewertet«, sagte sie grinsend. »Nur so viel: Ich werde heute nicht lange geöffnet haben.«

»Um dich am Nachmittag in den Laken zu wälzen oder um zu schlafen?«, fragte ich lächelnd und fühlte mich im gleichen Moment wie eine Verräterin. 

Damian würde ausrasten, wenn er hörte, wie leicht es Lotte gehabt hatte, sich den Typen zu angeln, an dem er wochenlang herumgegraben hatte. Er tat mir schon ein bisschen leid. Hm, vielleicht sollten Damian und ich eine Selbsthilfegruppe gründen: Die Verschmähten. In meiner Rührseligkeit malte ich mir aus, wie wir mit lauter Mauerblümchen in einem Stuhlkreis saßen und uns gegenseitig leidtaten. Es war frustrierend – und zu allem Überfluss war nun auch noch Lotte sauer, weil ich ihr nicht zugehört hatte.

»Also gut, was ist los? Ich habe da anscheinend etwas ganz Entscheidendes verpasst. Du und Justus, ihr schmachtet euch an, verbringt Zeit miteinander, habt einen Heidenspaß und dann kommt so eine aufgedonnerte Schnepfe und alles ist vorbei? Da komme ich nicht mit.«

»Ich auch nicht«, sagte ich und seufzte. Dann erzählte ich ihr, wie wir uns geküsst hatten – und wie Justus vor mir zurückgewichen war. Von seiner fixen Idee, Sofie zurückzuerobern und von dem Anruf, den ich bei meinem Besuch in ihrem Laden belauscht hatte. »Versteh mich nicht falsch. Ich mag die Frau zwar nicht, aber ich will ihr nichts unterstellen, nur klang es für mich, als hätte sie längst einen anderen.«

Lotte, die während meiner Erzählung Salat vorbereitet und Törtchen dekoriert hatte, hielt inne. »Im Prinzip ist es egal, ob sie jemanden hat oder nicht. Meine Mutter hat immer gesagt, wenn es im ersten Anlauf nicht klappt, wird es beim zweiten Mal nicht besser und damit liegt sie goldrichtig. Wenn du jemanden nicht mehr hören und riechen kannst, wozu sich noch einmal herantasten? Der andere kann sich ändern, aber sein Geruch und seine Stimme ändern sich gewiss nicht.«

Ich zuckte die Achseln. »Sag mal, servierst du zu deinen Lebensweisheiten auch Kaffee? Ich sitze hier nämlich ziemlich auf dem Trockenen.«

Lotte lächelte, strich mit leichter Hand über meine Schulter und ging nach vorne. »Sag mal, dass dein Rad vor meinem Fenster steht, bedeutet das, du bist auf der Flucht vor Justus?«

»Ja, so ziemlich. Ich will ihn nicht sehen und brauche einen Lieblingsort. Wenn du mir zwei Coffee to go machen könntest, wäre das prima. Ich schätze, nach der kurzen Nacht brauche ich eine Menge Koffein, um kreativ zu sein.«

Lottes Kopf erschien im Türrahmen. Das sah hübsch aus, weil die Sonne ihr blondes Haar leuchten ließ wie einen Heiligenschein. »Will meinen, du arbeitest an deinen Entwürfen?«, fragte sie.

»Hm, so ist der Plan. Wenn ich morgen nicht mit dem ersten Hut anfange, wird es zu knapp, um alles pünktlich einzureichen.« Ich zückte mein Handy. »Bleib nur kurz so stehen. Du inspirierst mich da gerade zu etwas.« Sie rührte sich nicht vom Fleck, aber ihr Gesicht verwandelte sich in eine Grimasse.

Fünf Minuten später war alles gesagt, ich hatte die Pappbecher mit dem heißen Kaffee in meinem Fahrradkorb verstaut und fuhr extrem langsam über das Kopfsteinpflaster, damit sie nicht umkippten. Zum Glück war der Weg nicht weit. Mit dem Korb in der Hand kletterte ich durch den Zaun und machte mich an den Aufstieg zu meinem Lieblingsort. Auf dem Dach angekommen, ließ ich mich im Schneidersitz nieder und ertappte mich dabei, wie ich einen John Lennon-Song summte. Ich war wirklich im Liebeskummermodus.

Kopfschüttelnd klappte ich das Skizzenbuch auf und sah mir an, was ich bis jetzt gezeichnet hatte. Die Entwürfe waren nett, aber nicht außergewöhnlich. Meine besondere Handschrift fehlte. Ich verwarf einen nach dem anderen und begriff nicht mehr, wieso ich vor ein paar Tagen zufrieden damit gewesen war. Auf dem Handy besah ich mir das Bild, das ich eben von Lotte gemacht hatte und legte los.

Die ersten Striche machte ich zögerlich und ungelenk, doch als die Idee in meinem Kopf gestalt annahm, flog meine Hand nur so dahin. Nach zwei Stunden hatte ich einen fein ausgearbeiteten Damen Derby-Bowler mit frech aufgestellter Krempe und feinen Verzierungen aus filigranen Samtelementen aufs Papier gebannt. Sonnengelb mit Abstufungen ins Dottergelbe. Das war es, genau so würde ich auf die Rennbahn gehen – wenn ich je in die Verlegenheit käme, mir ein Rennen anzuschauen. Lächelnd lehnte ich mich mit dem Rücken gegen einen Schornstein, von dem der Putz abbröckelte.

Die Idee für den Herrenhut lag mir schwer im Magen. Sobald ich daran dachte, sah ich Justus vor mir. Ich ließ es zu, setzte ihm in Gedanken eine Schlägermütze auf sein welliges Haar, tauschte sie gegen eine Basecap und schüttelte den Kopf. Dann versuchte ich es mit einem Pork Pie, einem schlichten Hut mit schmaler Krempe, wie ihn Jazz-Musiker in den 1960er Jahren gern getragen hatten. Die Form, die ich aufs Papier warf, war schlicht, doch auch diesem Stück verpasste ich meine persönliche Note, indem ich auf das Hutband kurze, flaumige Straußenfedern zeichnete, wie man sie gern für Federboas verwendete.

»Soll der für mich sein?« 

Ich zuckte zusammen und klappte den Block reflexmäßig zu. Ich hasste es, wenn mir jemand bei der Arbeit über die Schulter sah, ohne dass ich davon wusste. Dann sah ich auf und funkelte Justus böse an. »Was tust du hier?«, fragte ich nicht gerade freundlich. Das hier war mein Rückzugsort. Wenn ich schon in meiner Wohnung nicht die Vorhänge aufziehen konnte, ohne Justus auf dem Präsentierteller zu sehen, so wollte ich wenigstens hier ungestört sein.

»Na hör mal, du hast mir das hier selbst gezeigt. Außerdem habe ich wie ein Trottel an deine Tür gehämmert, war bei Lotte und an deinem Laden. Drei Nieten – da steht mir so ein kleiner Glückstreffer ja wohl zu.«

»Das war keine Antwort auf die Frage, was du hier tust. Nur, um es dir in Erinnerung zu rufen: Ich bin der Irrtum, die Frau, die du suchst, wohnt ein ganzes Stück von hier weg.« Vielleicht wäre es eleganter gewesen, wenn ich so getan hätte, als würde mir diese Begegnung nichts ausmachen, aber so war ich nun einmal nicht. Ich sagte geradeheraus, was ich empfand, und ich würde für diesen Mistkerl bestimmt nicht damit aufhören.

Wenn es Justus etwas ausmachte, dass ich so grantig zu ihm war, ließ er es sich nicht anmerken. Stumm setzte er sich neben mich, sein Blick tastete sich in aller Seelenruhe über den Horizont. Ich rechnete schon nicht mehr mit einer Antwort, als er abgrundtief seufzte. »Die Sache hat sich verselbstständigt und ich kann dir leider nicht sagen, wieso das so ist. Als meine Ehe den Bach runterging, war ich so beschäftigt mit meiner Arbeit, dass ich es gar nicht mitbekommen habe. Sofie hat mir Vorhaltungen gemacht und mir gedroht und ich habe das einfach ... ausgesessen ist vielleicht das richtige Wort. Beschämenderweise muss ich sagen, dass das über Jahre so ging. Est schleichend, dann kamen die Streitereien in kürzen Abständen und wurden immer heftiger. Erst in dem Moment, in dem sie anfing, ihre Koffer zu packen, ist mir klargeworden, dass ich sie nicht wirklich ernst genommen habe. Natürlich habe ich gesehen, wie sie sich verändert hat. Sie war nicht mehr das lebenslustige Mädchen, das improvisierte Picknicks auf dem Schlafzimmerboden veranstaltet und nackt im See gebadet hat. Aber ich dachte, ich hätte Zeit. Nur noch dieses Buch, nur noch die Lesereise, das nächste Buch noch und eine Messe ... alles war mir wichtiger als sie. Ich trauere nicht der Frau hinterher, die sie jetzt ist, sondern dem Mädchen, das ich alleingelassen habe, während ich mit meiner Karriere beschäftigt war. Ich sehe das schon sehr klar, Jo. Ich weiß nicht, ob sie noch hinter dieser kontrollierten Fassade steckt, aber ich möchte von mir sagen können, dass ich versucht habe, das zu retten, was wir hatten, auch wenn ich ein bisschen zu spät losgelaufen bin. Ich will es versucht haben.«

Mein Herz schlug schneller und pumpte dieses süße Gift, das mich die ganze Nacht wachgehalten hatte, durch meine Adern. Eifersucht. Ich wollte nackt mit ihm im See baden. Ich wollte mit ihm picknicken, wo auch immer es gerade passte – und das verrückte daran war, dass ich verstand, was er da tat. Ich selbst hatte doch alles versucht, um das mit Olli in die Reihe zu kriegen, selbst nachdem sich unsere Wege gegabelt und wir uns in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt hatten, war ich geblieben und hatte es ihm recht machen wollen. 

»Tu, was du tun musst«, sagte ich, nahm Justus Hand und drückte sie. Nicht auf die Art, auf die man eine Hand drückt, wenn man erwartet, dass der andere seine Finger mit den eigenen verschränkt. Ich wollte ihn einfach wissen lassen, dass ich ihn verstand und dass ich da war. »Tu es einfach, red mit ihr. Aber was mich betrifft, wäre ich jetzt gern allein.«

Justus sah mich eine kleine Ewigkeit lang an. Er wirkte unschlüssig, doch irgendwann nickte er und erhob sich. Ich war froh, dass er ging, auch wenn ich ihn nicht gehen lassen, sondern hinter ihm herlaufen wollte. Doch es ging nicht. Meine Beine, ach, einfach alles an mir war erstarrt. Ich saß nur stumm da. Und ich weinte.

Der nächste Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Mittwoch, 12. September, um 18 Uhr.

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