Kapitel 16

Johanna

 

 

Als ich im Sausalitos ankam, hatte sich meine Wut über Justus‘ dämliche Einladung für seine Ex-Frau in so etwas wie Wehmut verwandelt, und das war nun wirklich verrückt. Schließlich hatte Justus mir von Anfang an gesagt, dass er seine Ex-Frau zurückerobern wollte. Wieso fühlte sich das nun wie ein Verrat an mir an? Gut, er hatte mich geküsst und ich hatte mir tatsächlich eingeredet, dass es etwas zu bedeuten gehabt hatte. Aber wenn ich ehrlich war – und das war nicht leicht – hatten wir nur eine Szene geprobt, die ihm zu einem weiteren Kapteil in seinem schnulzigen Liebesroman verhelfen sollte. Kein Antrag, keine Liebesschwüre. Diese ganzen spinnerten Ideen gab es nur in meinem Kopf und daraus würde ich sie nun verbannen.

Ich zog die Tür vom Sausalitos auf. Augenblicklich war ich eingehüllt von lateinamerikanischen Rhythmen. Wenn es etwas gab, das mich auf andere Gedanken brachte, dann das hier. Ich liebte es, mich zum Klang dieser Musik über die Tanzfläche führen zu lassen.

»Jo«, Damian musste an der Bar, die keine zehn Schritte von der Tür entfernt lag, auf mich gelauert haben. Ich wusste, es war nicht nett so zu denken, trotzdem konnte ich mir bei seinem Anblick den Vergleich mit einer rollenden Diskokugel nicht verkneifen.

»Ist das dein Ernst? Ein silberner Anzug? Du siehst aus, als wärst du in einen Bottich mit Mettalic-Lack gefallen.«

»Nur zu deiner Information. Der Anzug ist ein echter Mathew Gant und das Hemd, das du darunter siehst, stammt von Stewart Niwen.«

»Äh ... muss mir das etwas sagen?« 

»Zwei sehr angesagte Hotties am Designer-Himmel. Was mich zum eigentlichen Thema bringt: Wo hast du deinen angesagten Hottie gelassen, Jojolein? Und sag mir jetzt nicht, dass er dir auf dem Weg hierher abhandengekommen ist. Das kaufe ich  dir nämlich nicht ab, weil du zur Abwechslung mal wirklich, wirklich, wirklich heiß aussiehst.«

»Ein wirklichmehr und du wärst im Guiness-Buch der Weltrekorde gelandet.«

»Nicht meine Szene, Süße. Also: Wo ist er?« Damian versuchte, über meine Schulter zu spähen, aber er hatte keine Chance. Ich überragte ihn so schon um einen halben Kopf und da ich heute Absätze trug, würde er einen Stuhl brauchen, um das zu bewerkstelligen.

»Du kannst aufhören nach ihm zu suchen. Er kommt später.« Ich hatte wenig Lust, das näher auszuführen, aber ich sah Damian an, dass er nicht lockerlassen würde. Bevor er nachhaken konnte, erklärte ich es ihm.

»Großer Gott, diese Frau entwickelt sich zu einer Plage«, rief Damian, kaum dass ich geendet hatte. »Wieso hat sie sich von ihm scheiden lassen, wenn sie jetzt angekrochen kommt?«

Ich lehnte mich leicht zurück, um ihn besser mustern zu können. »Woher willst du wissen, dass sie die treibende Kraft war? Vielleicht hat er sich zu der Scheidung entschlossen und hinterher tat es ihm leid.«

»Sorry, Schätzchen, aber du musst, glaube ich, mehr mit ihm reden. Ich habe ihn gefragt und daher weiß ich es ganz genau. Er hat alles versucht, damit sie bleibt, aber die Lady wollte raus aus der Beziehung, weil sie sich nicht wahrgenommen fühlte neben ihm als berühmtem Schriftsteller. Ist das zu fassen? Als würde eine Spielerfrau jammern, dass Jogi Löw sie nicht ins Tor stellt.«

Mittlerweile waren wir mit der Menge in Richtung Bar geschoben worden. Die Stimmung war ausgelassen, das Sausalitos wie immer brechend voll. Ich wollte nicht weiter über Justus und seine Ex-Frauen-Jagd nachdenken und schon gar nicht reden und wechselte das Thema. »Was ist eigentlich mit deinem Kurier?«

»Jo, reicht es nicht, dass dir jemand den Abend verhagelt hat? Wieso musst du mir meinen Abend auch noch verderben, indem du mich darauf ansprichst?« Wenn Damian wie jetzt seine übliche, theatralische Attitüde wegließ, saß der Stachel wirklich tief.

Am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Was fragte ich ihn auch? »Ist es so schlimm, dass es sich nicht mit einem Tequila reparieren lässt?«, hakte ich nach und strich tröstend über seine Schulter?

»Ach, ich komme schon drüber weg«, sagte Damian abwesend, wobei sein Blick fest auf die Tanzfläche gerichtet war. »Dass ich nicht gemerkt habe, dass der Kerl ein verdammter Hetero ist, das wurmt mich.«

Ich folgte seinem Blick und sah einen blonden Haarschopf, der wild über die Tanzfläche wirbelte. An den blauen Strähnchen hätte ich meine Freundin und Lieblings-Café-Betreiberin Lotte auch in einer dichten Menge von Demonstranten erkannt. »Sie hat ihn abgeschleppt«, fragte ich ungläubig, als mir klar wurde, wer sie da übers Parkett wirbelte.

»Umgekehrt wird ein Schuh draus. Dennis hat sie so machomäßig angegraben, dass es schon peinlich war. Ich dachte, er fällt vor ihr auf die Knie und macht einen Antrag.«

Das Heiratsthema schien ihn heute wirklich zu beschäftigen. »Und du armer Kerl hast daneben gestanden?« Ich verzog den Mund und winkte dem Barkeeper. Hardy kannte mich und griff gleich zur Tequila-Flasche. 

Kaum hatten wir unsere Gläser in der Hand, da tauchte Justus auf. Zusammen mit einer streng gestylten Sofie. Sie sah aus, als wäre ihr Raumschiff bei der falschen Party gelandet.

»Das ist sie? Dieses Biest wollte er zurück?« Damian schnaubte demonstrativ genervt.

»Woher willst du wissen, dass sie ein Biest ist?«, fragte ich, freute mich aber insgeheim, dass sie ihm nicht sympathisch war.

»Sieh sie dir an. Wie arrogant und etepetete sie sich hier umschaut und wie abschätzig sie die Leute scannt. Kein feiner Zug. Kein netter Mensch.« Er zuckte mit den Achseln und nahm Hardy die beiden Gläser aus der Hand.

»Prost, Engelchen. Stich sie aus!«, sagte Damian und schüttete den Schnaps herunter.

Ich war gerade mit meinem Tequila fertig, als Justus und Sofie sich zu uns durchgekämpft hatten. Ihre Augen verengten sich, natürlich erkannte sie mich. Ich mochte keinen Hut – mein übliches Erkennungszeichen – tragen, aber wir hatten in ihrem Laden lange genug miteinander geplaudert.

»Was tun Sie denn hier?«, fragt Sofie und ich muss schon sagen, es klang sehr pikiert.

Dummerweise fühlte ich mich ertappt und plapperte ein wenig planlos daher: »Ich bin Justus‘ Nachbarin. Wir waren heute ...«

Justus ging dazwischen. »Jo ist manchmal ein wenig neugierig. Sie hat die Einladung zu deiner Eröffnung auf meinem Schreibtisch gesehen und weil sie sich so für Second Hand-Klamotten begeistert, hat sie dir einen Besuch abgestattet.«

Waaas? Ich sah ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Dieser miese Verräter. Ich wollte gerade den Mund öffnen, um ihm die Meinung zu sagen, da packte er mich beim Arm und zog mich in Richtung Tanzfläche. »Das war so armselig«, zischte ich.

»Na hör mal«, Justus grinste schuldbewusst, »was hätte ich ihr denn sagen sollen? Dass ich dich zum Spionieren geschickt habe? Das wäre noch viel peinlicher gewesen.«

»Für dich oder für mich?«, empörte ich mich.

»Na, für uns beide. Für dich, weil du dich hast instrumentalisieren lassen. Und für mich, weil ich meine Neugier nicht im Griff hatte. Also komm, sei wieder gut und schenk mir diesen Tanz.« Er hatte kaum ausgeredet, da hörte die Musik auf und Carlos, der freakige DJ, schnappte sich das Mikro. »Tango gehört ja eigentlich nicht zu meinem Repertoire, aber auf mehrfachen Wunsch mache ich heute eine Ausnahme. Und wehe, die Leute, die sich das gewünscht haben, tanzen bei den nächsten fünf Liedern nicht. Dann könnt ihr euch auf eine Lokalrunde einstellen. Ich hoffe, ihr habt genug Geld dabei.« Unter großem Gejohle erklangen die ersten Takte eines Gitarren-Solos.

»Endlich, seit Wochen beknie ich ihn«, sagte Lotte fröhlich, als sie sich mit ihrem Fahrradkurier neben uns aufbaute. »Jo, Justus, das ist Dennis. Dennis – du hast gehört, wie die beiden heißen.« Lotte kicherte. Ob sie ihre Hochstimmung dem netten Kurier verdankte, oder ob sie mir mit den Tequilas schon weit voraus war, konnte ich bei der schummrigen Beleuchtung schlecht abschätzen.

Jetzt wurden die Gitarrenklänge schneller, Akkordeonmusik setzte ein. Ich rechnete damit, dass Justus den Rückzug antreten würde, aber nein. Er schlang einen Arm um meinen Rücken und zog mich an sich, während er mit seiner anderen Hand nach meiner rechten griff. »Dann lass mal sehen, ob du auch wirklich tanzen kannst, oder nur hier herumlungerst, weil du nichts Besseres vorhast.«

Ich lächelte maliziös. »Du wirst dich wunden, du mieser Verräter. Zieh dich warm an!«

Aber das musste er gar nicht, denn der steife Justus, der Mann, den ich seit Tagen damit aufzog, dass er vermutlich in Bügelfalten auf die Welt gekommen war, bewegte sich zu den Tango-Klängen wie ein Gott. Er drehte und wirbelte mich herum, führte mich mit ausladenden Schritten durch den viel zu kleinen Laden, wiegte sich mit mir und verharrte dann sekundenlang, bevor er den innigen Moment zerstörte, mich mit einem sanften Schubs von sich wegdrückte und um die eigene Achse wirbelte. Bei Gott, es fühlte sich so magisch an, so nah bei ihm, dass ich dahinschmolz. Das erste Lied verklang und wir stellten uns auf das nächste ein, einen langsameren, getragenen Rhythmus, zu dem ich mir das laute Wehklagen einer argentinischen Sängerin vorstellen konnte. Das dritte Lied war wieder schneller. Langsam kam ich außer Atem, während Justus mich noch immer sicher führte und ich mich vollkommen fallen ließ. Kaum war das Stück zu Ende, tauchte Sofie neben uns auf.

Sie wirkte nicht amüsiert. »Darf ich?«, fragte sie eisig.

Wie gern hätte ich ihr gesagt, dass sie später wiederkommen solle. Stattdessen plumpste ich sang- und klanglos von meiner Wolke sieben und machte mich von Justus los. Augenblicklich überkam mich ein unangenehmes Gefühl der Leere. Obwohl der Laden viel zu voll war und die Menschen um mich herum schwitzten, fröstelte ich leicht. Doch es war nicht die Temperatur im Raum, die mich dazu brachte, sondern es war Justus ganz unverwechselbare Wärme, die mir fehlte.

Rasch trollte ich mich in Richtung Theke und bestellte einen weiteren Tequila. »Herzchen, du weißt, dass du nicht mehr als drei verträgst und der Abend ist noch jung.« Lotte stand neben mir. Es war ein Jammer. Das Sausalitos war wirklich nicht mehr als eine etwas zu groß geratene Bar, aber immer noch klein genug, um sich nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei hätte ich mich gerade so gern verkrochen, um meine Gefühle zu sortieren.

»Wo hast du deinen Kurier gelassen?«

»Ach, der tobt sich auf der Tanzfläche aus. Irgendeine Frau, die ihn schon den ganzen Abend mit den Augen verschlingt.«

»Klingt nicht, als hättest du echtes Interesse an ihm.«

Sie legte den Kopf schief und sah zu Dennis und einer drallen Schwarzhaarigen hinüber. »Ich mag ihn, soweit ich das nach zwei Stunden beurteilen kann. Warten wir also ab. Was jedoch viel interessanter ist, ist die Frage, was du und dieser tanzende Gott miteinander habt.«

»Nichts!«, sagte ich eine Spur zu hastig.

»Dann erklär mir, warum die Frau, die er jetzt über die Tanzfläche führt, vor Eifersucht gekocht hat, während du mit ihm getanzt hast.«

Ich sah Justus und Sofie an. Seltsam, als wir getanzt hatten, hatte er weniger steif auf mich gewirkt, aber jetzt ... hm, es schien, als würde er sich mit angezogener Handbremse bewegen. Dann wandte ich mich wieder an Sofie. »Die Frau ist seine Ex und er will sie um jeden Preis zurück. Darum hat sie keinen Grund, eifersüchtig zu sein. Wenn du mich fragst, feiern die beiden demnächst Versöhnung, ziehen zurück in ihre fette Villa in Potsdam und werden ein, zwei Wochen später vergessen haben, wer wir sind.«

Lotte schüttelte vehement den Kopf. »Es ist ja nichts Neues, dass du manchmal spinnst, aber das ist selbst für dich erstaunlich begriffsstutzig.«

»Will meinen?«

»Es sieht doch ein Blinder, dass er einen Narren an dir gefressen hat. Der Mann steht auf dich. Er weiß es nur noch nicht.«

»Da bin ich ganz deiner Meinung«, ertönte plötzlich Damians Stimme hinter uns und ließ mich zusammenzucken. Bei nächster Gelegenheit würde ich mich auf die Suche nach einem größeren Tanzschuppen machen. Mindestens zwei Etagen. Und viele Nischen, damit man sich nicht ständig über den Weg lief und überrascht wurde, wenn man in Ruhe reden wollte.

»Was du brauchst«, erklärte Lotte, »ist ein Schlachtplan. Die beiden sind geschieden und weil meine Omi eine weise Frau war, hat sie mir früh eingetrichtert, dass nur Idioten zweimal den gleichen Fehler machen. Und Justus ist kein Idiot.« Sie sah mich an wie eine Lehrerin, die ihre Schüler ermuntert, die Antwort zu sagen.

»Was willst du hören?«, fragte ich ratlos. »Wenn er diese Frau will, kann ich ihn wohl kaum davon abbringen. Und um ehrlich zu sein, will ich das auch gar nicht. Wenn er nicht selbst darauf kommt, dass ich ...«

»Blablabla«, Damian verlor hörbar die Geduld. »Du kannst dir dieses depressive Geschwafel sparen. Du bist für ihn bestimmt. Die Frage ist nur, wie wir ihn dazu bringen, das auch zu sehen. Klar soweit? Also schwing deinen hübschen Arsch auf die Tanzfläche. Ich habe Dennis an Lotte abgetreten und jetzt leihe ich ihn dir. Zeig Justus, wie sexy und rhythmisch du deinen hübschen Hintern schwingen kannst.«

Ich wollte protestieren, doch dazu kam es nicht mehr. Das Lied endete und Lotte und Damian schubsten mich mit vereinten Kräften in Dennis‘ Richtung. Um nicht dazustehen wie ein Trottel, klatschte ich ab. Das Letzte, was ich sah, bevor ich in eine feste Umarmung gezogen und herumgewirbelt wurde, war Justus Blick. Seltsam, er hatte doch, was er wollte, aber er wirkte alles andere als glücklich.

 

Kapitel 17 des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein erscheint am Mittwoch, 5. September, um 18 Uhr.

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