15. Kapitel

Justus

 

 

Ich war gerade dabei, mir ein Handtuch um die Hüften zu schlingen, als das Handy bimmelte. Mit tropfnassem Haar stürmte ich aus dem Bad und ging ran.

»Na endlich, ich wollte schon aufgeben«, begrüßte mich Sofie. Der schmollende Ton gab nicht wirklich Anlass zur Hoffnung, das hier könne ein nettes Gespräch werden. Trotzdem schlug mein Herz schneller.

»Sorry, ich komme gerade aus der Dusche«, versuchte ich, Sofie zu beschwichtigen. Ihre schlechte Laune konnte wirklich raumfüllend sein.

»Verstehe«, nein, sie klang kein bisschen gnädiger. »Lass mich raten: Du hast dich erst akribisch abgetrocknet, um nur ja nicht das Parkett vollzutropfen?« Wie sie das sagte, klang es, als wäre ich ein zwangsneurotischer Handtuch-Fetischist. 

Es war erstaunlich, ganz erstaunlich. An neunundneunzig von hundert Tagen hätte sie damit richtig gelegen, aber heute traf es nicht zu. »Du wirst es kam glauben, aber hier gibt es kein Parkett, sondern Bodendielen und auf denen sammelt sich gerade eine hübsche Pfütze zu meinen Füßen.«

»Das glaubst du doch selber nicht.« 

Ich spürte, wie die Situation zu entgleisen drohte. Vorwürfe, halbherzige Erwiderungen, darin hatten wir es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht. So war unsere Ehe sang- und klanglos zu Ende gegangen. Ich wollte nicht zurück auf diesen schmalen Grat, auf dem ein Wort das andere gab, bis einer freiwillig ausstieg oder den anderen so zielsicher verletzte, dass er das Wortgefecht verloren gab – wenn ich mich jetzt darauf einließ, wäre das Gespräch beendet, bevor ich zu Ende getropft hatte.

Ich seufzte innerlich. Jede Friedensverhandlung begann ja wohl damit, dass sich einer einen Ruck gab. »Schön, deine Stimme zu hören. Was kann ich für dich tun, Sofie?«

Schweigen. Fast hatte ich den Eindruck, dass sie es bedauerte, nicht mit mir streiten zu können. Dann endlich hörte ich, wie sie Luft holte. Was sie auch zu sagen hatte, kostete sie Überwindung. »Ich ... also, mein Laden ... Ich habe da vermutlich ein ganz klein wenig zu positiv kalkuliert.« Das war nichts, was die Überschrift Breaking News verdiente. Sofie war nie eine gute Rechnerin gewesen. Ich wartete ab, auch wenn ich ahnte, weswegen sie über ihren Schatten sprang und anrief. »Ein Großteil der Abfindung ist für die neue Wohnung draufgegangen. Und im Laden ... na ja, ich musste viel mehr machen lasssen, als ich gedacht habe. Die Wände neu verputzen, dann mussten die alten Regale und Kleiderständer raus ... das kostet natürlich.«

»Natürlich«, bestätigte ich und hoffte, dass es so verständnisvoll klang, wie es gemeint war.

»Dann habe ich einen Haufen Ware hier herumstehen. Ich konnte ja schlecht mit leeren Regalen starten ... Kurz: Ich habe mich gefragt, ob du mir ... aushelfen könntest.« Die letzten beiden Worte flogen mit Überschallgeschwindigkeit aus ihrem Mund. Als hätte sie sich die Zunge daran verbrannt.

Mein Herzschlag beruhigte sich. Das war so ernüchternd. Seit Monaten hatte ich darauf gehofft, dass Sofie sich meldete – nur nicht aus einem so schnöden Grund. Nun war ich unfähig, das aus dem Stegreif zu diskutieren. »Sag mal, ich bin ein bisschen spät dran, weil ich gleich mit meiner Nachbarin zu einer Salsa-Party gehe ...«

»Zu einer Salsa-Party?«, fiel Sofie mir ins Wort und klang so ungläubig, dass es mir einen Sich versetzte. 

Ja, ich hab’s kapiert: Ich bin der destinguierte, steife Trottel. »Sehr richtig. Und da ich spät dran bin, muss ich mich anziehen. Wenn du reden willst, schlage ich vor, du kommst einfach mit. Oder du meldest dich in den nächsten Tagen noch einmal.«

Dass sie wirklich tief in der Klemme steckte, war unüberhörbar, dann sie überschlug sich förmlich dabei, mir zu versichern, wie gern sie mitkommen würde. »Gut, da ich meine Nachbarin abhole, schlage ich vor, du kommst hierher. Den Wagen kannst du vor dem Haus parken. Dann laufen wir zusammen ins Sausalitos.«

»Früher hättest du mich abgeholt«, maulte Sofie. Der übliche Kleinmädchenton, den sie immer dann aufsetzte, wenn sie etwas wollte.

»Tja, mein früheres Ich hast du nicht gewollt. Also bitte: pünktlich um neun. Ich freue mich«, fügte ich an, obwohl ich das seltsamerweise nicht so empfand.

In Windeseile brachte ich mein Haar in Ordnung, legte After-Shave auf, zog mich an und stürzte an den Küchentisch, der mittlerweile von meinem Schreibtisch zu Hause kaum noch zu unterscheiden war. Überall klebten Notizzettel mit Ideen für Szenen und ganze Kapitel. Dazwischen lagen ausgedruckte Seiten, mein Laptop und natürlich das Notizbuch, in das es nur die guten Ideen schafften. Ich schlug es auf und begann, all das, was ich mir beim Telefonat ausgemalt hatte – nämlich die Sätze, die Sofie meiner Erwartung nach hätte sagen sollen und ausgelassen hatte – aufzuschreiben.

Ich war noch nicht ganz fertig. Als es läutete. Ich sah auf die Uhr. Es war Punkt neun. Ich ging zur Tür, öffnete und trat einen Schritt zurück. Da draußen stand ein ... Vamp. Anders ließ es sich nicht in Worte fassen. Dunkel geschminkte Augen, der Rest des Gesichtes war bis auf die kirschroten Lippen dezent geschminkt, das Haar zu ordentlichen 40er Jahre-Wellen à la Greta Garbo frisiert. »Jo, steckst du da drin?«

Das Engelsgesicht mit dem verruchten Make-up runzelte die Stirn. »Wen hast du denn erwartet?«, fragte sie leicht pikiert. »Geben sich die Frauen hier etwa abends die Klinke in die Hand?«

»Nein«, beeilte ich mich zu sagen, »natürlich nicht. Ich habe schon auf dich gewartet«, log ich und trat zur Seite, um sie hereinzulassen, wobei ich ihr Kleid bewunderte. Es war hauchzart, endete etwa in der Mitte ihrer sehenswerten Schenkel, und wurde über den Schultern von feinen Spathetti-Trägern gehalten. Über einem Arm trug Jo ein leichtes Wolltuch, das farblich toll zu ihren weinroten Mary Jane-Pumps passte. »Du sieht nur so ... ungewohnt aus.«

»Das ist genau das Kompliment, das ein Mädchen hören will, wenn es sich den halben Nachmittag den Kopf über sein Outfit zerbrochen hat.«

»Lügnerin!«, sagte ich spöttisch. »Als würdest du dir so alberne Gedanken machen.« Kaum war es heraus, stellte ich fest, dass ich mir wünschte, dass sie es doch getan hatte.

»Sei’s drum«, Jo straffte die Schultern. »Da wir mein Outfit nun besprochen haben, können wir ja los.«

»Sorry«, ich zuckte die Achseln und führte sie in den großen Wohnraum, von dem aus man bestens sah, dass sie in ihrer Wohnung das Licht hatte brennen lassen. »Sofie hat vorhin angerufen. Ich habe sie spontan eingeladen, uns zu begleiten.«

Wie aus dem Nichts ändert sich Jos Miene. Nur einen winzigen Moment lang, doch ich hatte es trotzdem gesehen – sie war sauer.

»Stimmt etwas nicht? Hast du ein Problem damit, dass Sofie uns begleitet?«

»Ein Problem?«, fragte Jo spitz. »Na, mal überlegen. Du schickst mich zum Spionieren in ihren Laden. Ich argloser Trottel gehe brav hin und horche sie für dich aus. Was glaubst du, wie ich jetzt dastehe, wenn sie herausfindet, dass wir uns kennen? Wird sie mir dann noch glauben, dass ich rein zufällig«, Jo fuchtelte theatralisch mit den Armen, »in ihren Laden gestolpert hin?« Sie redete sich immer mehr in Rage. »Hm, mal überlegen. Würde ich selber mir das abkaufen?« Sie tat, als müsse sie überlegen, wobei sich ihre Miene merklich verdüsterte. »Nein, ich würde mir nicht glauben? Und weißt du auch warum?« Jo stupste mir mit dem Zeigefinger so fest gegen die Brust, dass ich leicht zurückwich. »Ich würde es nicht glauben, weil ich nicht von irgendeinem verdammten Wolkenkratzer gesprungen und auf dem Kopf gelandet bin.«

Okay, da war etwas dran. »Mag schon sein, dass es Sofie ein wenig seltsam vorkommt. Aber es gibt nun einmal die seltsamsten Zufälle.«

Jo verdrehte die Augen. So wütend wie gerade jetzt hatte ich sie noch nie erlebt. Sie drehte drei Runden durch den Wohnraum und ich dankte meinem Schöpfer, dass bei Sofie Verlass darauf war, dass sie nie unter einer Viertelstunde Verspätung irgendwo auftauchte.

»Weißt du was? Ich gehe allein da hin. Damian wird sowieso schon da sein. Komm du einfach nach mit deiner ... deiner Frau.« Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, rauschte Jo ab und ließ mich mit dem unguten Gefühl zurück, einen Fehler gemacht zu haben. Vor lauter schlechtem Gewissen bildete ich mir sogar ein, dass ihre Augen verdächtig feucht geschimmert hatten. Das nagte so an mir, ich war glatt versucht, ihr zu folgen, ohne auf Sofie zu warten. Doch just in dem Moment, in dem ich zum Schlüssel griff, klingelte es erneut.

»Na, hast du dich wieder eingekriegt?«, rief ich, als ich die Tür aufriss. Aber da stand kein roter Derwisch mit hollywoodreifer Frisur.

»Eingekriegt?«, fragte Sofie und lächelte frostig. Die Art von Frost, die man gemeinhin zur Schau trug, wenn man unsicher war und es nicht zeigen wollte.

»Ach«, erklärte ich wegwerfend und lud sie mit einer Geste ein, hereinzukommen. »Nur ein kleines Missverständnis. Wir treffen meine Nachbarin direkt bei dem Salsa-Abend.« Wieso nur hatte ich den Eindruck, dass es Sofie gar nicht interessierte, was ich zu sagen hatte?

Pflichtschuldig führte ich sie durch die Wohnung. Ebenso pflichtschuldig nickte sie die Einrichtung ab und zeigte sich sehr interessiert an meinem neuen Buchprojekt. »Oh, da bist du ja wieder richtig gut im Geschäft?« Sie strahlte.

»Wir sollten los«, sagte ich, ohne näher darauf einzugehen. Es fehlte gerade noch, dass sie mich ausfragte und ich von diesem verfahrenen Projekt erzählen musste.

Schweigend ging Sofie vor mir durch die überdachte Einfahrt. Sie sah perfekt aus wie immer. Das Haar streng zurückfrisiert. Schmuck in geometrischen Formen, dezentes Make-up, stylische Designer-Garderobe, so nüchtern, dass niemand darauf gekommen wäre, dass sie unterwegs war zu einem Salsa-Abend. Ebenso gut hätte sie zur Einweihung eines neuen Ministeriums oder zu einem Stehempfang in einer Bank gehen können.

Erst als wir hinaus auf die Straße taten und Sofie sich bei mir einhakte, entspannte ich mich. Das war so vertraut. So verdammt gewohntes Terrain, dass es mich beruhigte.

»Ich freue mich richtig auf den Abend«, erklärte sie, während sie auf ihren halsbrecherisch hohen Stilettos neben mir her stakste. 

»Ich mich auch. Du ahnst gar nicht wie«, sagte ich, wobei meine Stimme fremd klang. Seltsam, ich hatte, was ich wollte, aber das letzte bisschen Vertrautheit, dieses kleine Quäntchen Selbstverständnis, das mir so sehr fehlte, wollte sich einfach nicht finden lassen in diesen gequälten Sätzen, mit denen wir die Stille füllten. Das musste an der Einsamkeit liegen. Ein Grund mehr, mein Misstrauen beiseite zu schieben und mich auf diesen Abend einzulassen.

Lächelnd legte ich meine Finger auf die Hand, mit der Sofie sich bei mir eingehakt hatte. Sie sah mich an und lächelte ebenfalls. Na bitte, es war alles ganz einfach – man musste nur die Verschrobenheiten, die man sich aus Einsamkeit angewöhnt hatte, wieder aufgeben. Und dazu war ich wild entschlossen.

 

Der sechzehnte Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Sonntag, 2. September, um 18 Uhr.

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