14. Kapitel (neue Sortierung/vormals 13)

Johanna

 

 

»Jojolein, ich habe absolut nichts dagegen, dass du mies drauf bist. Wer, wenn nicht ich, sollte das verstehen? Aber wenn du mir einen klitzekleinen Anhaltspunkt zu den Gründen geben könntest ...?« Damian sah mich an wie die Schlange ihre Beute – nachdem sie sie dreimal dick eingewickelt hatte.

»Du musst nicht immer so neugierig sein!«, fertigte ich ihn grantig ab. »Und überhaupt: Wie wäre es, du isst deine Eclairs hinten im Kabuff, anstatt sie hier über meinen Hüten zu zerbröseln?«

Damian schnappte nach Luft. Sehr theatralisch das Ganze. Und weil er es schon so oft gemacht hatte, perlte es an mir ab wie der Regen an der Lotus-Blüte.

»Ich meine das ernst, Damian. Der Samt kostet einhundertsiebzig Mäuse pro Meter. Wenn da Schokostückchen drauffallen, drehe ich dir den Hals um.«

»Sehr engagierter Versuch!« Er tippte mit der Schuhspitze auf den Boden.

»Wie jetzt?« Langsam kam ich nicht mehr mit. Das war der verdammte Schlafmangel. Wenn man sich nämlich nachts im Bett herumwälzte und an Autoren dachte, die wiederum nur an ihre Verflossenen dachten, konnte man sehr leicht den Verstand und in Gesprächen den Anschluss verlieren.

»Ganz einfach: Ich respektiere deinen ambitionierten Versuch abzulenken. Nur kenne ich dich zu gut, um darauf reinzufallen. Also sag Onkel Damian einfach, was dich beschäftigt, und wir finden eine Lösung.«

Es war nicht zum Aushalten, er konnte nicht locker lassen. Aber das war jetzt auch keine bahnbrechende Neuigkeit, denn er hatte schon aus mir herausgekitztelt, wann, wo und mit wem ich das erste Mal Sex gehabt hatte. Und das wusste außer mir und dem anderen Part dieses sehr ernüchternden Ereignisses niemand – nur Damian. Mal sehen, irgendetwas musste ich ihm liefern. Eine Ausrede, die ihn auf die falsche Spur brachte.

»Es liegt am Wettbewerb. Mir fällt nichts für einen Herrenhut ein, und die Entwürfe, die ich zu den beiden anderen Themen habe, sind nicht gut genug.«

Damian legte den Kopf schief und tippte noch lauter auf den Boden, bevor er die Lippen spitzte und förmlich flötete: »Netter Versu-huch!«

»Das ist mir ernst.«

»Hm, ich weiß. Und jetzt erzählst du mir das, was dir noch ernster ist: Mister ich-bin-ein-begnadeter-Schriftsteller-und-heiß – wie läuft es mit dem? Und sag mir jetzt nicht, dass ihr nur Nachbarn seid. Du und ich, wir lügen uns nicht an. Es wäre schade, wenn du wegen so einer albernen Schwärmerei damit anfängst.«

»Ha, das sagt der Mann, für den die Redewendung ›alberne Schwärmerei‹ erfunden wurde.«

»Falls du auf den Fahrradkurier anspielst, das ist geklärt.« Ein herablassendes Grinsen spielte um Damians Mund.

Ich war baff. »Du hast das ...«, ich deutete mit dem Finger auf die große Schaufensterscheibe. »Da hast du gestanden und bist bei dem Gedanken, er könne dich sehen, rot angelaufen.«

Er war pikiert, dass ich ihm seine coole Tour nicht abnahm. »Tja, und dann war er hier, hat ein Päckchen für dich abgegeben und ich habe ihm von der Salsa-Party erzählt.« Damian verschränkte die kurzen Arme vor seinem mächtigen Bauch, was ich irgendwie rührend fand. Er war nicht fertig mit mir, noch lange nicht. Die eigentliche Nachricht, die, die loszuwerden er brannte, fehlte noch. »Er kommt hin!«

»Wie jetzt?«, fragte ich begriffsstutzig.

»Na, ich habe ihn eingeladen und er kommt. Kannst du dir vorstellen, wie diese Muskeln auf der Tanzfläche glühen?« Damians Augen leuchteten.

Meine nicht. Ich wollte mir den Kerl mit den lächerlich eng sitzenden Höschen lieber nicht als Eintänzer vorstellen. Immerhin gelang es mir, ein zaghaftes »das freut mich« herauszubringen, bevor ich in die Rolle der meckernden Gewitterziege zurückfiel. »Das ändert nichts an der Tatsache, dass sich cremefarbener Samt mit Schokoladenkrümeln schlecht verkauft. Wenn du also bitte in der Werktstatt weiteressen ..«

»Herrgott, Jo, was ist mit dir los? Ich meine, dass du keinen Sex mehr hast, tut dir natürlich nicht gut. Niemand kann so leben. Also bitte: Wieso pflückst du nicht endlich diesen heißen Schriftsteller und lässt dich von ihm übers Parkett wirbeln, bevor er dich flachlegen darf?«

Da war er, der Punkt, den ich so fein umschifft hatte. Dass Damian Justus eingeladen hatte, war eine Sache, nur hatte ich nach dem gestrigen Abend inständig gehofft, dass die beiden es längst vergessen hatten. Tja, bis jetzt hatte ich nur einen von beiden dazu gehört – und der war definitiv nicht bereit, die Einladung unter den Tisch fallen zu lassen. Das war so frustrierend, dass meine Verwirrung in Ärger umschlug. »Reicht es denn nicht, wenn du glücklich unter der Haube bist? Nur zu deiner Information: Justus ist nicht an mir interessiert. Er schreibt einen Roman und weil er von Schnulzen keine Ahnung hat und sich nur gemeine Thriller-Charaktere ausdenken kann, bin ich so etwas wie sein Versuchsobjekt. Daran ist er interessiert. Nicht an mir als Mensch. In dem Punkt ist er ganz klar – er will einen Bombenroman schreiben und Erfolg haben, um seine Ex-Frau zurückzuerobern.«

Damian zuckte noch nicht einmal mit der Wimper: »Quatsch!«

»Wie bitte?«

 

»Quatsch! Ist dir nicht aufgefallen, wie dieser Prachtknabe dich anschmachtet? Er ist entzückt von dir. Oh, ich zweifle nicht daran, dass er noch ein bisschen Zeit braucht, um das zu kapieren. Aber die Zeichen sind da. Hör auf mich! Wenn du magst, lege ich dir die Karten.«

Es war zum Verrücktwerden. Da stand er, bröselte munter weiter Schokolade auf meine Hüte und redete einen solchen Schwachsinn. »Wag es nicht, hier mit deinen Tarot-Karten anzukommen und mir Hoffnung zu machen. Wag das ja nicht, Damian!«, polterte ich los. Junge, tat das gut, sich richtig Luft zu machen. All die verschrobenen Gefühle, die ich mit mir herumtrug, mussten sonst zu einem Magengeschwür führen. Unweigerlich. »Ich will, dass du dieses Törtchen hier raus schaffst. Sofort. Und dann will ich, dass du mir keine Hoffnungen machst, wo keine si...« Ich brach ab und wirbelte herum, weil das Ladenglöckchen bimmelte.

Und da stand er, das Gesprächsthema in Person. »Hi Jo«, er hob die Hand und winkte lässig. Wie war ich nur auf die Idee gekommen, er könne verklemmt sein? »Damian!« Er hob die Hand und klatschte mit meinem rundlichen Faktotum ab, dass jeder, der sie nicht sah, denken musste, hier würden gerade Ohrfeigen verteilt, die sich gewaschen hatten.

Tja, ich kam nicht umhin, ihn auch zu grüßen. »Justus, schön dich zu sehen. Was kann ich für dich tun?«

»Du für mich? Entschuldige mal, aber wenn ich das richtig sehe, bin ich das neue Model von ›Gut behütet‹. Also ist wohl eher die Frage, was ich für dich tun kann. Fühlst du dich inspiriert, wenn ich mich hinsetze und ein paar Grimassen schneide?«

»Sie fühlt sich inspiriert, wenn du dich an den Salsa-Abend erinnerst und heute Abend ihr Begleiter bist.«

Ich suchte fieberhaft nach einer brauchbaren Ausrede, aber Justus war schneller. »Deshalb bin ich hier. Wird irgendeine besondere Aufmachung gewünscht?«

Damian strahlte wie eine hundert Watt-Birne bei Überspannung.

 

»Schwarze Hose, schwarzes Hemd. Figurnah geschnitten, wenn du so etwas hast.«

Justus nickte. »Keine Krawatte? Oder ein Sakko?«

»Nein, ganz zwanglos. Kate trägt auch nur einen heißen Fummel und kein Kostüm.«

Die Kate, von der da gerade die Rede war, fühlte ihr Blut aus dem Kopf in die Beine sacken und vergaß zu atmen. Mein Hirn war mit einem Mal so dramatisch unterversorgt, dass ich nicht mal meinen Nachnamen hätte sagen können.

»Heißer Fummel klingt gut«, unkte Justus.

»Oh«, flötete Damian, »warte erst mal, wie das aussieht. Du holst sie doch ab?«

»Ehrensache! Auch wenn ich dafür praktisch die halbe Stadt zu Fuß durchqueren muss.«

Es fehlte nur noch, dass er herumjammerte, dass gerade Winter war und er seine Schuhe leider, leider beim Kohlen klauen verloren hatte. Die beiden parlierten und dramatisierten und waren so sehr damit beschäftigt, mein Outfit und den Abend zu planen, dass ich zumindest Ruhe hatte, mich auf meine Atmung zu konzentrieren, die plötzlich gar nicht mehr so reibungslos lief.

»Ich hole dich also um neun ab?«

Ich atmete. Ich nickte. Und in diesem Moment hielt ich es für ein Meisterstück des Multitasking, dass ich beides gleichzeitig zustande brachte. Da war nämlich etwas, das sich mit Macht in meinen Kopf drängte und hartnäckig dort festsetzte: Ich musste nicht überlegen, ob ich in Justus verliebt war. Ich war es einfach. Und wie ich mich kannte, würde sich dieses Gefühl so hartnäckig halten, dass es einfach in einer Katastrophe münden musste.

Andererseits – ich könnte mein Bestes probieren. »Ich muss los«, rief ich, kaum dass Justus den Laden verlassen hatte und außer Sichtweite war. Mir blieben exakt drei Stunden, um mich in die fabelhafteste Version meiner Selbst zu verwandeln – und besagten heißen Fummel zu finden.

 

Der fünfzehnte Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Mittwoch, 29. August, um 18 Uhr.

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