9. Kapitel

Johanna

 

 

»Warum bist du eigentlich so gut drauf?«, fragte mich Damian, während er an seinem Espresso nippte.

Ich runzelte die Stirn. »Was?«

»Na, seit du aus der Mittagspause zurück bist – zehn Minuten zu spät übrigens – grinst du in einer Tour. Das ist doch nicht normal.«

»Sag mal«, stieß ich hervor. »Das klingt ja so, als ob ich sonst immer mit mieser Laune hier hereinspazieren würde.«

Damian hob eine Augenbraue und schürzte die Lippen, war dann aber so klug, nichts zu sagen. Ich verstand es dennoch und seufzte nur leise.

»Schätzchen, ich weiß doch, dass du ein paar schwierige Tage hinter dir hast. Die Trennung, der Umzug und all das. Aber schau mal, was ich hier habe.« Er zog einen Umschlag unter einem Katalog hervor und wedelte damit vor meinem Gesicht herum.

»Was ist das? Ein Lottogewinn?«

Sein glucksendes Lachen erfüllte den Laden. »Nicht ganz, aber wenn du dich anstrengst, klingelt die Kasse tatsächlich.«

»Ach ja?«, meinte ich skeptisch und griff nach dem Papier.

Mein Freund zog es mir vor der Nase weg und schaute mich erwartungsvoll an.

»Damian!«, warnte ich ihn leise.

»Oh, oh. Warum bist du so reizbar? Mir scheint, da ist jemand chronisch untervögelt.«

Ich schüttelte ganz langsam meinen Kopf und presste die Lippen aufeinander. Da mochte etwas dran sein, was aber nichts damit zu tun hatte, dass mich seine Spielchen nervten. Ich hasste es, wie in einer Talkshow zu raten, wenn es noch nicht einmal einen Anhaltspunkt gab. »Nun gib schon her.«

Mit einer flinken Bewegung überlistete ich ihn und riss ihm den Brief aus der Hand. Er gab sich geschlagen und ließ sich auf einen Stuhl sinken.

»Der ist ja schon aufgerissen«, stellte ich fest und schaute ihn an.

Er zuckte mit den Schultern und schlürfte dann den Rest seines Espressos. »Sah dringend aus.«

»Wenn ich dich nicht so gern hätte, würde ich dir jetzt den Hals umdrehen.«

»Na, na«, sagte er und schnalzte mit der Zunge. »Lies doch erst mal.«

Und das tat ich.

...Designwettbewerb ... Hüte in vier Kategorien ... dotiert mit einer Gewinnsumme von 5000 Euro ... Einsendeschluss ihres Beitrags ist der ...

»Ach du Scheiße«, murmelte ich. »Da muss ich mich aber ranhalten.«

Ich hob meinen Kopf und fing Damians zufriedenen Blick auf. »Heißt das, du nimmst teil?«

»Was? Ja klar nehme ich teil«, antwortete ich geistesabwesend und hatte sofort mehrere Kreationen vor Augen. »Das kann ich mir ja wohl nicht entgehen lassen. Aber, meine drei Hüte müssen schon in drei Wochen dort eintreffen.«

Mein Herz schlug bis zum Hals hinauf, in meinem Kopf formten sich bereits feiner Wollfilz, Satinbänder, Spitze und Schleifen zu den fertigen Modellen.

»Ja, das ist es doch, was ich dir sage. Du bist so unorganisiert! Der Brief liegt sicher schon seit Wochen da. Ich habe vorhin einen ganzen Stapel Post unter einer Kiste gefunden.«

Ups. Ich spürte, dass ich knallrot anlief.

»Warum zur Hölle, passiert das immer wieder?«, tadelte er mich mit rudernden Handbewegungen.

Ich zuckte die Schultern, öffnete meine Lippen, um zu einer Ausrede anzusetzen, aber er guckte mich dermaßen streng an, dass ich meinen Mund ohne etwas zu sagen wieder schloss. »Nix da, Mädchen. Ich verstehe ja, dass du keine Lust auf Rechnungen hast. Aber wir alle müssen uns um unseren Kram kümmern.« Nach einer bedeutungsschweren Pause fuhr er fort. »Stell dir mal vor ich wäre nicht so sorgfältig, dann hättest du von dem Wettbewerb womöglich erst erfahren, nachdem der Einsendeschluss abgelaufen wäre.«

 

Dem konnte ich nicht widersprechen. »Du hast ihn ja entdeckt«, murmelte ich kleinlaut und schaute betreten auf meine Füße.

Damian schnaubte. »Du musst da wirklich was an deinem Verhalten ändern, oder soll ich mich auch noch um deinen Papierkram kümmern.«

»Ja-ha, ist ja gut und nein sollst du nicht.«

»Und jetzt sag mir, woran hast du gedacht?« Seine Stimme nahm einen anderen Tonfall an, der wärmer und ja, beinahe enthusiastisch klang. Deswegen mochten wir uns so gerne, wir beide liebten Hüte in jeder Farbe und Form.

Meine Lippen formten ein schmales Lächeln. »Pass auf, die Vorgabe laut diesem Schreiben sind ja Hüte zu den Themen »für jeden Tag«, »Rennbahn« und »Be my Man«.«

»M-mh.«

»Für die Rennbahn stelle ich mir einen etwas größeren Fascinator vor. Basis bildet ein grüner Kreis, der die Rennbahn darstellen soll, darauf drapiert werden dann die Reiter mit ihren Pferden, bin mir noch nicht sicher, ob Ton in Ton, oder ... was meinst du?«

Damian nickte. »Zeichne doch mal auf. Mach es bloß nicht zu ausgeflippt.«

»Wieso nicht?«

»Ich weiß nicht, in der Jury sitzen bestimmt konservative Sesselpupser.«

Wir schauten uns an und lachten. »Oh Gott, ich bin so aufgeregt«, stieß ich aus und raufte mir die Haare.

Er grinste breit. »Du kannst mir später danken.«

»Danke!«, sagte ich und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ach herrje, ich brauche Stoffe! Was ich noch da habe, ist nicht gut genug. Damit gewinne ich keinen Blumentopf.«

»Mach doch mal langsam, erstmal zeichnen, dann besorgen wir die Stöffchen.«

Ich musste Damian nicht noch groß sagen, dass ich bereits Feuer und Flamme war. Endlich konnte ich meiner Kreativität mal wieder freien Lauf lassen, so ein Wettbewerb war nach dem Stress mit Oli und dem Umzug genau das Richtige, um den Kopf mit etwas Sinnvollem zu beschäftigen. Ich setzte mich sofort an den kleinen Schreibtisch im Hinterzimmer und begann mit meinen Entwürfen.

Irgendwann steckte Damian seinen Kopf durch die Tür. »Äh, Schatz. Ich geh dann jetzt. Soll ich abschließen?«

»Was?«, blinzelnd hob ich meinen Blick. »Ist es schon so spät?«

»Ja, und später. Es ist schon nach sieben.«

»Oh, ich habe total die Zeit vergessen.«

»Macht ja nichts. Also, dann sehen wir uns morgen.«

»Klar.«

»Wie weit bist du denn gekommen?«

Ich seufzte und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. »Noch nicht weit. Irgendwie war alles, was ich gezeichnet habe, doch noch nicht so.«

»Willst du nicht mal eine Pause machen?«

An meiner Unterlippe nagend schüttelte ich den Kopf. »Nein, ich bin ganz kurz davor, etwas Geniales auf Papier zu bringen.«

»Na schön. Dann, bis morgen.«

»Tschüss!«, rief ich ihm noch hinterher, stand auf und streckte meine Glieder.

»Shit«, murmelte ich als ich kurz darauf auf die Uhr schaute. Ich war um acht mit Justus verabredet.

Verabredet, das klang selbst in meinem Kopf seltsam. Natürlich war es keine Verabredung im eigentlichen Sinn. Aber ich konnte nicht den Abend mit ihm verbringen, ich musste unbedingt weiterkommen, mir lief die Zeit davon.

Verdammt, seine Telefonnummer hatte ich auch nicht. »Na gut« redete ich mit mir selbst, »dann gehe ich eben kurz vorbei und sage persönlich ab.« So könnte ich dann auch direkt die Adresse des Second-Hand-Ladens mitnehmen.

Fünf Minuten später stand ich mit klopfendem Herzen vor seiner Haustür und klingelte. Es dauerte nicht lange, bis er öffnete. Ein verführerischer Duft zog mir in die Nase.

»Ah, da bist du ja«, begrüßte er mich.

 

Die Ärmel seines Hemdes hatte er lässig bis zum Ellenbogen hochgekrempelt, seine graublauen Augen leuchteten. Leise Pianomusik tönte aus der Wohnung.

Mein schlechtes Gewissen brachte mich fast um, aber es musste sein. »Ähm«, stammelte ich und trat von einem Fuß auf den anderen. »Es tut mir total leid, aber mir ist was dazwischen gekommen.«

Er schaute mich mit einer leicht hochgezogenen Augenbraue an. »O-kay«, gab er langgezogen zurück.

»Ja, ich wollte ja anrufen, aber ich habe deine Nummer nicht und außerdem brauche ich für morgen noch die Adresse des Ladens.«

Justus Lippen verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln. »Du brauchst nicht so bedröppelt dreinschauen, Jo. Ist schon in Ordnung.«

»Wirklich?«

Oh Gott, ich klang so dämlich. Er neigte seinen Kopf und schaute mich eindringlich an. Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig. Ich schluckte.

»Ja, wirklich. Wir holen das einfach nach, um ehrlich zu sein, ich habe gerade einen Lauf, ich bin auch froh, dass ich an meinem Manuskript weiterarbeiten kann.«

Ich atmete erleichtert aus. »Ah, super.«

»Warte, ich hole dir noch die Karte mit der Adresse.«

Damit verschwand er und kehrte nach kurzer Zeit zurück. »Hier bitte«, sagte er und hielt mir eine Einladung hin. »Auf der Rückseite habe ich dir meine Handynummer notiert – falls du mich in Zukunft mal wieder versetzen willst, musst du nicht erst persönlich aufkreuzen. Und nicht wundern. Der Laden hat wohl schon auf, auch wenn die offizielle Eröffnungsfeier erst in ein paar Wochen ist.« Seine Augen funkelten amüsiert.

Mir fiel ein Stein vom Herzen, denn irgendwie hatte ich befürchtet, dass ein Mann wie er womöglich mit Planänderungen gar nicht gut umgehen konnte. Ich hatte mich getäuscht, zum Glück. So locker, wie er meine Absage aufnahm könnte man fast meinen, dass er sich darüber freute. Seltsamerweise gefiel mir dieser Gedanke überhaupt nicht. Da ich mein Herz wie immer auf den Lippen trug, sagte ich ihm auch genau das. »Du wirkst ja nicht gerade traurig, dass du jetzt deine Ruhe vor mir hast.«

Justus’ dunkles Lachen ließ kleine Schauer an meiner Wirbelsäule auf und ab rieseln. »Ich mag es lieber, wenn man weiß, woran man ist. Bis jetzt war es mir nie so klar, weil es nicht viele Menschen gibt, die so ehrlich sind wie du. Echt, es ist erfrischend, endlich mal keine albernen Höflichkeits-Regeln einhalten zu müssen, nur weil dies oder das erwartet wird.«

Ich hatte keinen Schimmer, was er mir damit sagen wollte. »Ja, äh, also dann. Ich melde mich morgen, nachdem ich bei Sofie war«, ich wedelte mit der Karte. »Jetzt habe ich ja deine Nummer.«

Unsere Blicke trafen sich und verhakten sich eine Sekunde ineinander, bis ich mich abwandte. »Schönen Abend«, rief ich ihm noch zu, dann verschwand ich im Hausflur.

In meiner neuen Bleibe angekommen ließ ich mich kurz aufs Bett fallen, zückte mein Handy und erstellte einen neuen Kontakt mit seiner Nummer. Ich wollte gerade eine Nachricht an ihn tippen, als ich ein herzerweichendes Miauen vor meiner Balkontür hörte. Mit einem Satz schnellte ich hoch und eilte zum Fenster. Hoffentlich saß Justus nicht auf seiner Terrasse und beobachtete, wie ich meinen Pflegekater rein ließ. Erleichtert atmete ich aus, als ich sah, dass der Tisch draußen zwar gedeckt war, aber er nicht in Sicht.

»Komm rein«, flüsterte ich Moppel zu, öffnete die Glastür und knallte sie direkt danach wieder zu. Warum stellte ich mich eigentlich so komisch an? Die Antwort darauf wollte ich mir nicht geben, denn ich ahnte, dass es damit zu tun haben könnte, dass ich mich gerade wie ein alberner Backfisch benahm. Stattdessen gab ich meinem einäugigen Freund Futter und Wasser, setzte mich aufs Bett und machte mich wieder an die Entwürfe.

Irgendwann knurrte mein Magen so laut, dass ich es nicht mehr länger ignorieren konnte. Da ich weder Zeit, noch Lust oder Lebensmittel hatte, um mir eine frische Mahlzeit zuzubereiten holte ich eine Dose Ravioli aus dem Vorratsschrank und öffnete sie. Ich gönnte mir ein kurzes Päuschen und setzte mich auf den Balkon, wo ich mir mein Abendessen einverleibte. Es störte mich nicht, dass sie kalt waren, im Gegenteil, es gab mir das Gefühl von Freiheit. Ein bisschen wie Camping im eigenen Zuhause, dachte ich schmunzelnd. Ich konnte nicht verhindern, dass mein Blick automatisch zu Justus’ Wohnung glitt, er saß am Schreibtisch und tippte wie besessen auf seiner Tastatur. Schien ja ganz gut zu laufen. Gut für ihn.

Ich zückte mein Handy und schrieb ihm eine SMS. Anscheinend hatte er es nicht auf lautlos gestellt, denn er griff nach seinem Smartphone. Dann erschien ein Lächeln auf seinen markanten Zügen und er hob den Kopf. Unsere Blicke begegneten sich, seine Augen weiteten sich schockiert. Kurz darauf ertönte ein dezentes »Ping«. Ich hatte eine Nachricht bekommen und wusste auch von wem. Meine Mundwinkel zuckten.

»Das ist nicht dein Ernst, Jo!«, las ich. »Du ziehst Ravioli meinen Kochkünsten vor?« Dahinter ein Smiley mit weit aufgerissenen Augen.

Ich musste grinsen und winkte ihm über den Hof zu. Mit einer Geste gab ich ihm zu verstehen, dass mein Abendessen vorzüglich geschmeckt hatte. Dann ging ich wieder in meine Bude, schloss die Tür und die Vorhänge, um in Ruhe arbeiten zu können.

 

 

Am nächsten Morgen radelte ich zu Sofies Laden, wobei ich einmal quer durch die Stadt musste. Ein Schild mit dem Namen ›Second First‹ prangte über dem Eingang. Im Schaufenster standen zwei Modepuppen, diverse Schuhe, Schals und Taschen waren rundherum drapiert. Ich stellte mein Rad ab, schloss es an und ging in den Laden. »Guten Morgen«, grüßte ich und schaute mich um.

Die Besitzerin stand hinter dem Tresen und lächelte freundlich. »Guten Morgen, kann ich etwas für Sie tun?«

Ich wandte mich noch einmal an sie. »Nein, danke«, sagte ich und musterte Justus’ Exfrau unauffällig. Sie war schlank, beinahe schon zu schlank für mein Empfinden. Hatte lange, braune Haare, mit einem Stich ins Rötliche. Ihre, zugegeben, sinnlichen Lippen waren mit blutrotem Lippenstift betont, ansonsten war sie nur dezent geschminkt. Sie war eine mondäne Schönheit, alles andere wäre nicht die Wahrheit. »Ich suche nichts Bestimmtes. Wollte mich nur mal umsehen.«

»Ja, nur zu, machen Sie. Und sagen Sie gerne Bescheid, wenn ich Ihnen doch behilflich sein kann.«

»Klar.« Ich nickte und sah mich eingehend um. Sofie hatte Stil und Geschmack. In ihrem Laden gab es alle möglichen Designer Label von Gucci über Prada bis hin zu deutschen Marken wie Dorothee Schumacher oder Anja Gockel.

Ich musste an mich halten, um nicht in Schnappatmung zu verfallen – auch wegen der Preise. Aber ich hatte mich verliebt. In ein Kleid.

Das war ja klar gewesen, dass ich mich nicht zügeln konnte. Ich atmete hörbar aus und nahm den Bügel vom Ständer.

»Ja, das ist ein ganz tolles Kleid«, hörte ich Sofies Stimme. »Ziehen Sie es ruhig mal an.«

»Das mache ich, ich meine«, gab ich lachend zurück. »Vielleicht sieht es ja an mir ganz schrecklich aus.«

Sie lächelte. »Ja, vielleicht. Oder aber es steht Ihnen einfach ausgezeichnet.«

»Kann man da am Preis noch was machen?«

»Probieren Sie es doch erst mal an.« Das klang nicht nach einem Verhandlungsspielraum.

Überhaupt fand ich sie nicht besonders sympathisch. Während Justus sich seiner Umgebung mühelos anpasste und die Menschen nahm, wie sie gerade kamen, wirkte sie reichlich unterkühlt und distanziert auf mich. Was Justus wohl an ihr fand? Ich versuchte, mir die beiden zusammen vorzustellen. Hm ... ich wusste nicht, ob mir das behagte. Schnell blendete ich das Bild aus.

Sofie kam um den Tresen und zeigte mir die Umkleide. »Bitte, wenn Sie noch etwas brauchen, melden Sie sich gern.«

In diesem Moment klingelte ein Telefon. »Entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick.«

Ich verschwand mit meinem Fundstück, raffte den Vorhang zusammen und zog mich um. Obwohl ich – natürlich nicht – lauschen wollte, bekam ich dennoch einen Teil ihrer Unterhaltung mit und so viel war klar. Es ging um einen Mann.

» ... nein, Julia. Ach, es ist kompliziert.«

Tja, logisch. Sonst wären die beiden ja nicht getrennt, dachte ich und schlüpfte aus meinen Sachen.

»... ich weiß auch nicht, was ich machen soll. Ja, Gefühle sind noch da, aber ...«

Oh! Das war doch mal eine wertvolle Information! Dann war ja wohl noch nicht alles für ihn verloren.

Ich zog das Kleid über und musste leider feststellen, dass der Reißverschluss nicht zu ging. Super. Ganz toll.

Mit einem Seufzen befreite ich mich daraus.

»Ach, wenn er nur nicht immer so schrecklich verbissen wäre«, vernahm ich Sofies Stimme. »Er müsste mal lockerer werden, aber ach ... was rede ich. Du, ich habe auch eine Kundin, lass uns mal wieder auf ein Glas Wein treffen ja?«

Ich hatte auch genug gehört, hängte das Kleid wieder auf den Bügel und trat aus der Umkleide.

»Na, wie hat es Ihnen gefallen?«, sprach sie mich an, als ich in ihrem Sichtfeld auftauchte.

Ich zuckte die Schultern. »Nicht so. Sah am Bügel besser aus.«

»Ach, wie schade.«

»Macht nichts.«

Ich schaute mich noch ein wenig um, sie hatte wirklich eine beeindruckende Auswahl an Klamotten, Schuhen und Taschen. Das Problem war, dass ich vieles Second Hand kaufte, weil mir das Geld fehlte. Was Sofie jedoch im Angebot hatte, sprengte den Rahmen. Schnäppchentaschen von ›Celine‹ für nur 1.700 Euro. Schuhe von ›Yves Saint Laurent‹ für ... Ich schnappte nach Luft und rieb mir über die Augen, aber der Preis blieb. Wer bitte gab denn 300 Euro für Schuhe aus, die schon getragen waren. Trotzdem rang ich mich zu einem Kompliment durch. »Sie haben einen tollen Laden«, sagte ich zu ihr. Es klang lahm und ich wusste es.

Dennoch erschien ein Lächeln auf ihrem blassen Gesicht. »Vielen Dank, ich bin noch nicht lange mit dem Geschäft hier.«

»Ich werde definitiv öfter kommen, wenn ich mal mehr Zeit habe. Leider habe ich heute wahnsinnig viel zu tun.«

»Machen Sie das, ich würde mich freuen.«

»Dann auf bald.«

»Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«

Damit verließ ich das Geschäft, schloss mein Rad auf und fuhr zu meinem Laden, wo mich Damian schon am Fenster hängend – er lauerte sicherlich dem Fahrradkurier auf – erwartete.

 

Der zehnte Teil des Blogromans »Es muss wohl Liebe sein« erscheint am Mittwoch, 9. Mai, um 18 Uhr.

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